Gemeindebrief Juli – September 2019

Der Ort der Predigt: nur die Kanzel? (den ganzen Gemeindebrief herunterladen)

Zu den Elementen, die einen Kirchenraum ausmachen, gehört ohne Zweifel die Kanzel. Sie ist der Ort der Predigt, der Auslegung des Gottesworts. Damit steht sie fast gleich wichtig neben dem Altar als dem Ort des Gebets. Fast, denn der Kirchenraum ist auf den Altar hin ausgerichtet, die Kanzel typischerweise zur Seite hin verschoben.

Ihre Einführung in die gottesdienstlichen Gebäude verdankt die Kanzel einem ganz handfesten Ziel: Die Person, die predigt, die das Gotteswort auslegt, sollte gut sichtbar und vor allem gut hörbar sein. Also bekam sie einen erhöhten Platz, eben die Kanzel, deren Einfassung zudem genutzt werden konnte, um gemalt, geschnitzt oder in Stein biblische Sujets oder Ereignisse der Kirchengeschichte darzustellen. Erhöhung und Einfassung mögen sich also zunächst aus ganz handfesten Überlegungen der besseren Wahrnehmbarkeit herleiten – sie haben aber weitere Effekte: Die Einfassung wird zu einer räumlichen Trennung von der hörenden Gemeinde; die Erhöhung kann als Symbolisierung eines Autoritätsgefälles aufgefasst werden. Die Position der predigenden Person auf der Kanzel kann – muss aber nicht – ebenfalls in dieser Weise verstanden werden. Eine solche Vorstellung passt nicht besonders gut zu evangelischen Grundüberzeugungen: dass sich jeder Christ im Nachdenken über die Worte der Bibel üben kann, dass keine Hierarchie den Zugang zu Christus verwaltet. Insofern ist es sinnvoll und nachvollziehbar, wenn die predigende Person nicht die Kanzel besteigt, sondern gewissermaßen als Teil der Gemeinde agiert. Die Probleme zumindest der Hörbarkeit sind heutzutage ja ohne Weiteres technisch in den Griff zu bekommen. Allerdings wird dadurch die gewohnte Art der Teilnahme am Gottesdienst berührt, der Predigteindruck ändert sich ja ziemlich massiv. Vielleicht können manche Hörende besser nachdenken, wenn ihnen mit der Predigt nicht gewissermaßen direkt auf den Leib gerückt wird. Auch für manche Predigende ist die feste Stütze der Kanzel wichtig, um sicher zu sprechen. Wie in vielen Stücken des Gottesdiensts kommt den einen ein bestimmtes Vorgehen entgegen, das den anderen wiederum etwas vom gewohnten Gottesdienst nimmt. Ob jedoch Predigt von der Kanzel oder Predigt ‚in den Bänken‘ – letztlich kommt es auf das an, was wir im siebten Artikel des Augsburger Bekenntnisses finden: dass „das Evangelium rein gepredigt“ werde. Wilhelm Oppenrieder

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